Kalkutta und das Gangesdelta, Sunderbans, Indien 2009

5. 3. 2009 Kalkutta

Im Hexenkessel der Innenstadt tobt der Verkehr, unglaubliche Lautstärke, ich laufe eine Weile und gehe in mir verloren. Die Bilder durchfluten mich und hinterlassen Narben, nicht nur die Füße, eigentlich schmerzt in mir alles, auch die Seele. Ich bin erschlagen von dem Leben, dem leben wollen und müssen. Auf engstem Raum, der ganze Alptraum dicht gedrängt. Das Tierische der Menschheit liegt aufgebahrt, präsentiert, ungeschminkt, wehrt sich, mischt sich in die Ordnung der Zivilisation. Tausende unter den Brücken, in den Rinnsteinen, Menschenbündel, Schmutz, Gestank, Fäkalien, Familien auf einem Flecken Pflaster im Gewühl.

Solidarität mit den Armen, die Mildtätigkeit, die Versuche die 15 Millionen Metropole in die Zukunft zu betonieren sind auch alle sichtbar, die Metrolinie, tausend neue, schicke Fassaden in den Außenbezirken, Bauboom. Verstörende Widersprüche, Schuhputzer am Handy, schicke junge Mädels vom barfüßigen Rikschafahrer durch die Fäkalien gezogen. Sportgruppen im großen Park der Innenstadt, ein paar Prachtbauten der Kolonialgeschichte, fast entfremdet, vom Rest der nahen Realität mit Grünflächen abgeschirmt, Ziegenherden in der Innenstadt. ‚Useless, but busy', steht auf einem T-Shirt, dessen Träger energisch vor mir geht - ist das die sarkastische Zusammenfassung des Molochs, oder soll ich auch die zahlreichen Künstler, die pulsierende Kulturszene, die fast unglaubliche Anpassungsfähigkeit der Inder an diese Verhältnisse und die Aufrechterhaltung eines Zustandes noch in den Absatz werfen, den man soziale Stabilität nennen könnte, wenn es nicht so anrüchig klänge? - ich weiß es nicht, man, ich habe keine Ahnung.

Wenn Kalkutta ein Zukunftsteleskop wäre, ein spiegelnder Blick in zahllose urbane Zentren einer weiter unkontrolliert wachsenden Menschenmasse, eher also das Zukunftsmodel eines ausgereizten Menschenzuchtplaneten? Kalkutta lässt sich nicht erlaufen, ich geh, und geh verloren, bin nach einer Weile gänzlich erschöpft und zieh mich ins Hotelzimmer zurück. Nach drei Tagen Kalkutta brauchte ich eine Pause. Die Sunderbans, das Delta des Ganges, mit dem Bus südlich aus der Stadt, durch einen Landstrich, der bestialisch stinkt, dort wo die Abfälle der Stadt nach und nach getrennt und sortiert werden, die allerletzten Reste dann in riesigen Öfen verkokeln und die Asche wieder verkauft wird und als Dünger zurück auf die Felder kommt. Die Abfallstadt, in der schon die Durchfahrt erschüttert. Dann die Sunderbans, wohl größtes Mangrovengebiet der Welt, das Gangesdelta, Wasserwelt, wieder drei Tage auf einem Schiff, welch eine Wohltat! Natur pur, nachts vor Anker im Tidengewässer, tagsüber durch die endlosen Kanäle und Flussläufe, mit dem Fernglas vor Sonnenaufgang auf dem Vordeck, kleine Wanderungen in die Schutzgebiete.

Wieder ein Land des Wassers mit Menschen, die so nah an der Natur leben, wie ich das bisher selten gesehen habe. Der Kontrast zu Kalkutta maximal. Es sind etwa 18 Gäste an Bord und etwas weniger Personal, das Schiff ist etwa 25 Meter lang und 6 Meter breit, gut ausgenutzt für mehrtägige Reisen in dem riesigen Delta des magischen und heiligen Flusses, der hier im Gezeitengebiet die Träume und Alpträume des Lebens von vielen Hundert Millionen Hindus im unendlichen Lauf der Geburt, Tod und Wiedergeburt verkörpert. Es gibt eine abgeschlossene Kabine an Bord und mehrere durch Vorhänge abgetrennte Etagenbetten, die Duschen und Toiletten sind separat. Man hört viel vom Anderen, aber man lernt auch einige kennen. Die Inder an Bord sind etwas älter und alle sind Bengalen, bis auf eine Engländerin, die zusammen mit ihrem indischen Ehemann reist. Es ist eine lebhafte und fröhliche Stimmung an Bord. Es gibt viel und oft zu Essen, doch immer die gleiche Malzeit.

Als das Empire 1946 überstürzt das Juwel aller Britischen Kolonien verließ, wurde durchaus mit der Unterstützung der jungen, indischen, regierenden Elite eine Problemlösung für die gewalttätigen Konflikte zwischen den Hindus und der Minderheit der Moslems gewählt, die Konsequenzen haben sollte: Die Teilung des Subkontinentes in 2 moslemisch dominierte Länder, nämlich Pakistan und Ost-Pakistan (heute Bangladesh) sowie das hinduistisch dominierte Indien. Man erhoffte sich den Frieden und teilte nach kolonialistischer Tradition die Weltkarte nach bestem, aber längst nicht ausreichendem Wissen. Auf einem Beobachtungsturm in dem Tigerschutzgebiet stehen die Inder, mit denen ich auf dem Schiff fahre und schauen über das breite Wasser auf die andere Seite. Ich frage wofür denn dieser Aussichtspunkt eigentlich gebaut wurde, da man auf keinerlei Wasserlöcher und keine anderen Anzeichen von Tigeraufenthalten blicken kann. Wir blicken nach Ost-Bengalen, dem heutigen souveränen Staat Bangladesh. Die Antworten sind sehnsüchtige kurze Erläuterungen der Trennung des traditionsreichen Landes Bengalen, ein Land mit einer Sprache und Identität, aber mit zwei großen Religionen.

Eine Trennung die wie die deutsche Teilung als tragisch angesehen wurde, als vermeidbar, aber mittlerweile unwiderruflich. Ein Teil Bengalens nach Indien und ein Teil nach Bangladesh, per Erlass, Grenze durch eine Inselwelt im Mangrovenland, zwei Staaten mit vielen aktuellen Spannungen. Bengalische Blicke übers Wasser zur gemeinsamen Vergangenheit, wie die Besuche und Feldstecher an der Zonengrenze bis 1989. Wir Deutschen haben wohl ein hohes Maß an Verständnis für die Teilungsbiografien. Die Sunderbans sind allerdings auch aktuell eine Region in der langsam ansteigender Meeresspiegel extreme Anstrengungen der Bevölkerung zur Erhaltung des uralten Siedlungsraums erzwingt. Von den sehr flachen Inselchen sind längst nicht alle bewohnt, aber dort wo Menschen leben hat man die Deiche überproportional erhöht und die Häuser verschwinden dahinter. Das Material für den Deichbau kommt allerdings nicht von weither, sondern wird direkt hinter dem Deich aus einem immer tiefer werdenden Loch gegraben.

Dieses Loch ist der Süßwasserspeicher, die Fischzucht, die Spülmaschine, die Badewanne und vieles mehr. Das Loch ist die Lebensader direkt neben dem einfachen Haus und hinter dem Deich. Doch trotz der Anstrengungen versalzen die uralten Teiche, zu tief das Loch in der Erde, zu hoch die salzhaltigen Gewässer im Tidengebiet. Das Schicksal hat schon viele verarmte Bauern in die nahen Elendsviertel der Stadt getrieben. Wir schippern durch kleine und große Arme des Deltas, wir schauen mit den Feldstechern, sehen unter anderen Fischotterfamilien und Hirsche bis zum Bauch im Schlick, aber der König dieser Gegend bleibt der Bengal-Tiger. Sehen können wir ihn leider nicht, eindeutige Spuren sind die prächtigen Zeugnisse seiner Anwesenheit. Die Regierung zahlt Prämien für die Hinterbliebenen, falls es zu einem Tigerangriff auf Menschen kommt. Die beiden Raubtiere kommen sich in den Sunderbans einfach zu nahe auf immer kleiner werdendem Lebensraum. Die bis zu den Oberschenkeln im Schlick wie Ochsen vor Schlicknetzen eingespannten Frauen denken bestimmt häufiger an die großen Raubtiere, die immer weniger Hirsche, ihre Lieblingsspeise, auf den menschenleeren Inseln finden und dann irgendwann wegen Hungers die Gangesarme durchschwimmen und neue Futterquellen suchen.

9.3. Kalkutta Wieder zurück, aber irgendwie auch am Ende! Das Fenster meines Zimmers liegt an der Old Free School Street, heute Mirza Ghalib Street im alten Stadtteil Chowringhee. Die Straße ist aufgerissen, etwa 20 Leute mit Hacken und Schaufeln wühlen über eine lange Strecke die Straße auf und reparieren im Untergrund an Leitungen. Die Dreckhaufen versperren den Weg über die Bürgersteige und engen die Straße erheblich ein, der Verkehr quält sich zusammen mit den Fußgängern und zahllosen Rikschas durch das enge Band. Wenn die Löcher wieder zugeschüttet werden, bleiben ganze Dreckberge erhaben liegen, da der Boden kaum verdichtet wird. Ein paar Meter weiter Richtung der noblen Parkstreet, mit hippen Läden und Büros der Fluggesellschaften, Telefongesellschaften und noblen Restaurants, leben einige Familien teils unter Plastikplanen teils ohne, auf der Straße. Sie wühlen im Müll, sortieren den ganzen Unrat, oder betteln. Es gibt kleine Garküchen, Zuckerrohrpresser, Fruchtstände, Schuhputzer, Handyreparaturen fehlen natürlich nicht und viele weitere Kleinstläden. Bettler und Menschen, die auf dem Boden regungslos liegen und schlafen oder vielleicht schon tot sind?

Direkt gegenüber ist eine der zahllosen Wasserstellen, eine Art gusseiserne Pumpe mit langem, gebogenem Pumpenschwengel, wie wir sie als Gartenpumpe kennen. Die Pumpe ist dauernd in Betrieb. Irgend jemand füllt Kanister oder ganze Ziegenhäute, wäscht sich, spült Geschirr oder trinkt einfach. Direkt hinter der Pumpe ist eine der vielen Garküchen, ein Lager für jemanden, der leere Pflanzenölkanister sammelt und weiterverkauft, sowie ein Fruchtsaftladen, es sind auch gleichzeitig die Nachtlager der Leute, auf kleinstem Raum hinter und unter irgendwelchen Fetzen. Rikschafahrer, die ihre Einspänner für die Nacht parken, ihre Kleidung unter der Pumpe waschen und an einer Häuserwand aufhängen und dann hinlegen, Krüppel, die zwischen den zahllosen Passanten kriechen. Die Häuser sind dreistöckig, haben ihre besten Zeiten wohl nie gesehen, teils völlig verschlossen und baufällige Ruinen. Ein paar Hundert Meter weiter wird aber mächtig investiert, die Bauarbeiter liegen in der Nacht auch unter Planen am Straßenrand. Die Pumpe ist das soziale Zentrum. Am Morgen sieht es aus wie eine öffentliche Waschanstalt.

Ich sehe aber nur Männer und Kinder, wo waschen sich wohl die Frauen? Ab und zu fällt der Strom aus, die vielen Generatoren werden angeworfen, das Brummen und Dröhnen wird zum Dauerton, der Strom kommt wieder. Das Leben geht bis spät in die Nacht, jede Menge Hunde und Katzen werden langsam aktiv. Wie es mit den Ratten steht, wenn die Hektik nachlässt, kann man ahnen. Vor der Garküche erkenne ich erst spät einen Fahnenmast mit Hammer und Sichel auf roten Grund, der rußig graue Schleier, der alles überzieht, hat auch den Stoff stark mitgenommen. Ich sehe aus dem Fenster und schaue zu. Kann mich irgendwie nicht trennen von dem Treiben, fotografiere und spanne. Die Kakophonie des Tages nimmt langsam ab. Aber manche Geräusche sind hier auch völlig fremd, die Martinshörner der Polizei, die Sirenen der Krankenwagen, dröhnende Musik aus Hindutempeln oder der Muezzin, fehlen gänzlich.

Es ist immer noch heiß, aber die Kühle der Nacht zieht langsam auf, das einzig wirklich erfrischende dieses Tages. Gegen Mitternacht kommen die Armeen von Lastwagen in die Stadt, am Tag verbannt, versorgen sie den Moloch mit jeglichen Brennstoffen für das urbane Feuerwerk des nächsten Tages. Gegen zwei Uhr morgens rumpeln ein paar Feuerwehrwagen mit Glockengeläut durch die Gassen, aus dem Tankwagen schwappt das Wasser, ich überlege, ob ich bei Feuer im Hotel irgendeine Chance hätte und versuche beunruhigt wieder einzuschlafen. Dem Tag wird ein Neuer folgen, schon bald erwacht Indien aufs Neue wie schon Jahrtausende, gute Nacht Indien, gute Nacht Ganges.

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