Flusswelt - Der Murray in Australien

Von Frank-Hilmar Bockhacker Animo/Krefeld

Träume von Bootsbesitzern und solchen die es werden wollen schweifen naturgemäß in die Ferne, dort angekommen gehen diese Visionen vom Abenteuer häufig auf Entdeckungstour, mit dem eigenen Schiff, nicht nur über die Ozeane sondern auch die Flüsse werden von unseren vagabundierenden Sehnsüchten heimgesucht. Der Stoff aus dem diese kleinen Fluchten gewoben sind, werden vom Rhein, der Donau, der Rhone aber auch von vielen kleineren Flüssen und Kanälen der näheren Hemisphäre gespeist. Wir besitzen damit ein fast unerschöpfliches Repertoire von Flussläufen auf denen wir zumindest einmal in diesem kurzen Leben nach dem kleinen Glück des Schiffers suchen wollen.

Weiter entfernte Flussreiseziele wie die Moskwa, den Don oder auch den Guadalquivir, den St. Lorenz-Strom, den Mississippi setzen wir, wenn überhaupt in Tagträumen um, eher selten auf die Saisonplanung, hier gibt es zwar immer mal wieder Berichte von Reisen mit eigenen Schiff, dennoch bleibt der Hauch von Exotik dominant. Nun hat das globale Dorf am anderen Ende dieser Welt einen wirklich exotisch anmutenden Fluss vor uns versteckt, den wir (von glücklichen und seltenen Ausnahmen abgesehen) wohl eher nicht auf eigenem Kiel erreichen werden, es ist der Murray der bei Adelaide in die Südaustralische See mündet. Einer dieser Flussläufe aus dem die Träumereien bestehen denen gegenüber wir DTMV Mitglieder und Wesensverwandte so empfänglich sind, ein äußerst spannender Fluss und herrliche Traditionsschiffe! Der nachfolgende Artikel beschreibt Eindrücke von einer Reise im Jahre 2007.

Zur Orientierung: Der Murray ist mit 2600 km Gesamtlänge, einer schiffbaren Länge von 2000 km und einem Wassereinzugsgebiet der Größe von Frankreich und Deutschland zusammengenommen ein imposanter Vertreter seiner Art. Häufig redet man auch vom Murray-Darling Becken dessen Bedeutung als landwirtschaftliches und wasserwirtschaftliches Schwergewicht des gesamten Kontinentes mit etwa 40% Anteil nicht zu unterschätzen ist. Mit der Erschließung des Australischen Kontinents für die westliche Welt, insbesondere durch die Briten, wurde der Fluss auch erstmals mit größeren Schiffen befahren, so wie es die erheblich schwankenden Wasserstände zuließen. Damit stellt der Flusslauf schon im 18. und 19. Jahrhundert eine beträchtliche Rolle für die Erschließung des Hinterlandes dar. Nachdem 1851 westlich von Sydney an einem kleinen Fluss im größeren Maßstab Gold gefunden wurde, setzte in den 1850er Jahren auch im Großraum des Murray-Darling Beckens ein Goldrausch ein der die Einwohnerzahl rasant ansteigen und wirtschaftliche Erschließung des Australischen Südwestens beschleunigte. Nach den getreidelten Kähnen gelangte 1851 der erste Dampfschlepper "paddle steamer Mary Ann" den Fluss hinauf bis in die Gegend von Echuca.

Bis 1864 war die Flussschifffahrt konkurrenzlos, dann betrat die Eisenbahn die Bühne dieser Weltgegend und die Schifffahrt gedieh besonders dort weiterhin gut wo es auch gleichzeitig eine Eisenbahnlinie und einen größeren Bahnhof gab. Dort entstanden auch Werften und der lokale Bootsbau entstand. Die Dampfmaschinen für den Antrieb waren allerdings nicht nur rar sondern auch extrem teuer. Die Maschinen kamen ja schließlich aus dem fernen England, oder später aus den USA. Man war sich am anderen Ende der Welt immer bewusst über die äußerst langen und beschwerlichen Wege der Ersatzteilversorgung, die Anlagen wurden gut gewartet und die Mechaniker entwickelten virtuose Fähigkeiten!

Die Wertschätzung für solche Antiquitäten hält bis heute an. Um 1870/1880 war die Blüte der Region erreicht, die großen Viehtriebe, der Zugverkehr, die Werften und die Flussschifffahrt, sowie die nun immer stärker werdende Bewirtschaftung der Nutzflächen und künstliche Bewässerung der Agrarflächen ließ die Region um Echuca boomen. Um 1890 wurde Echuca sogar als möglich Hauptstadt der gesamten Kolonie gehandelt. Doch die wirtschaftliche und politische Dynamik der britischen Kolonie richtete sich dann doch stärker entlang der Küsten aus und fand mit Sydney und Melbourne die waren Schwergewichte. Glücklicherweise befinden sich aus dieser Zeit noch gut gepflegte Traditionen, in Form von Leidenschaft der Australier für die dampfbetriebenen-holzbefeuerten Schiffe aus dieser Zeit (oder deren Nachbauten), sowie die Liebe zum weiterhin befahrbaren Fluss, der mittlerweile ausschließlich von touristischen Schiffen befahren wird. So rühmt man dort den "Powersteamer Adelaide, gebaut 1866 in Echuca der älteste aktive seiner Art mit Holzrumpf in der Welt zu.

PS Adelaide arbeitete 90 Jahre als Schlepper, zog bis zu drei Leichter voll mit geschlagenen Holzstämmen in die Sägewerke. Neben den hübschen größeren Ausflugsschiffen die durchaus teilweise noch aus der Zeit um 1900 stammen, existiert auch die gut vertretene Hausbootszene und Hobbyboote die sich als Nachbauten doch auch sehr an den alten Stilvorgaben orientieren und nicht auf das riesige Antriebsrad verzichten, obwohl man davon ausgehen kann das es nicht immer durch den Klassiker einer Dampfmaschine angetrieben wird. Teilweise wurde der Bau auf den örtlichen Werften in und um die Stadt Echuca durchgeführt. In der Mehrzahl wurden selbstverständlich Frachtschiffe gebaut.

Anbei einige der schönen Damen die ich während meiner Fahrten fotografieren konnte: Die eigentliche wasserbauliche Veränderung durch Schleusen und Wehrbau geschah allerdings recht spät zwischen der ersten Schleuse bei Blanchetown im Jahr 1922 und der letzten bei Robinvale im Jahr 1937. Heute existieren 13 Schleusen mit minimalen Schleusenmaßen von 17 x 51 m bzw. 17 x 83 m bis zum Zusammenfluss mit dem Fluss Darling. Wie der gesamte Südosten Australiens wird auch das Flusssystem von extremen Wetterbedingungen beherrscht, bis zum Bau der Schleusen und Wehre war die Navigation daher oft monatelang nicht möglich, die Niederschlagsmengen in einigen Regionen sind nur ein Drittel der Verdunstungsmengen.

In den Jahren von 2001 bis 2007 war außergewöhnlich wenig Regen gefallen und so war auch mein persönlicher Eindruck der eines sehr gemütlich, silbrig schlickigem Flusslauf der insbesondere bei den Städten Echuca und Mildura durch hohe Flussbänke mit zahlreichen großen, schon in den Fluss gefallenen Australischen-Eukalypten beherrscht wird. Eine wilde Gegend, die über einige Flusskilometer nur durch die zahlreichen Saugleitungen für die Bewässerung der Felder mit der Gegenwartszivilisation in Kontakt zu stehen scheint. Besonders diese Gegend scheint auch ein Freiluftmuseum für besondere Traditionsschiffe zu sein. Schon Mark Twain verglicht den Murray nicht zuletzt wegen seiner besonderen Schiffstypen mit dem Mississippi, es sind also diese flachgehenden Schlickrutscher mit den typischen Schaufelradantrieben am Heck oder seitlich, die über die Zeit hinweg liebevoll gepflegt und deren Dampfmaschinenantriebe auch heute noch im Einsatz sind. Nach einigen Tagen am und auf dem doch so andersartigen Fluß Murray verließ ich die Gegend mit dem Eindruck viele Liebhaber von wirklich schönen und für Europäer außergewöhnlichen Traditionsschiffen kennen gelernt zu haben.

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