Flusswelt - Der Brahmaputra in Indien

Frank-Hilmar Bockhacker - Animo/Krefeld

Mit 2896 km Länge ist der Brahmaputra an Stelle 39 der Liste der längsten Flüsse der Welt, nach Durchflussmenge steht er schon deutlich näher an den Spitzenplätzen der großen Flüsse dieser Welt. Mit durchschnittlich 20.000m³/s befördert er 8,5 mal so viel wie der Rhein und bewältigt auf seinem Wege durch Tibet, Nordindien und Bangladesh einen gigantischen Höhenunterschied von 6000 Metern. (Bild 1/Karte) Auf meiner langen langen Liste von Traumzielen stand dieser Fluss weit oben und im Februar 2009 war es dann soweit. Wir fliegen von Delhi südlich an Nepal und Bhutan vorbei nach Guwahati in Assam, der Himalaja steigt mit dem beginnenden Tag aus dem Dunkel auf, ein majestätischer Anblick. Ein kühler Morgen empfängt mich, erstmals seit 8 Wochen ziehe ich ein warmes Hemd an.

Die Landeshauptstadt liegt zwischen Bhutan im Norden und Bangladesch im Süden im engen Nordostzipfel von Indien. Mitarbeiter der Assam Bengal Navigation Company einer Firma, die auf dem Fluss Schiffstouren betreiben, holen mich ab. Nach langem Hin- und Her hatte ich mich entschlossen diese Tour von 7 Tagen und Nächten den Fluss aufwärts zu machen. Ich bin der einzige Gast an Bord der Charaidew, einem Schiff von 38 Metern Länge und 8 Metern Breite, ausgerüstet für 24 Gäste und 27 Personen Besatzung. Nach den Mumbai Attentaten brachen die Buchungen ein, die Wirtschaftskrise wirkt auch schon bis hierher. Etwa 300 Kilometer auf dem Fluss der aus dem größten Gebirge der Welt heraus tritt und sich mäandernd nach Bangladesh und dann mit dem heiligen Fluss Ganges vereint, in den Golf von Bengalen ergießt. Seit 4 Monaten hat es nicht mehr geregnet, ein trockenes Jahr. Der Wasserstand ist sehr niedrig.

Die Fahrt ist eine konstante Suche nach dem Weg. Zu beiden Seiten erstreckt sich eine Art Wüstenlandschaft, über Kilometer sind Sandbände freigelegt, dann wieder Wasserarme, die Hügel am Rande des Stromes sind oft nicht zu sehen. Wind wühlt den feinen Sand auf, Windhosen verschlechtern die Sicht manchmal so stark das man nicht weiter als 50 Meter sehen kann. Ein Sandsturm, auf dem Fluss. (Bild 2) Es ist eine menschenarme Gegend, ein Fluss, auf dem wir fast allein sind. Einige Bambusflößer kommen uns entgegen. Es sind große Flösse, die etwa 15 Tage flussabwärts von Seitenarmen des Brahmaputra bis nach Guwahati gebracht werden um dort das Bambus zu verkaufen.

Die Flösse sind etwa 30 mal 30 Meter groß und mit bis zu sechs Flößern unterwegs. Bis zu 10.000 Bambusstangen sind auf die Höhe von etwa einem halben Meter zusammengebunden. Es erfordert eine ungeheure Flusserfahrung dieses Gefährt mit Stangen und Strömung durch das Gewirr der Wasserarme zu bringen. Eine Betonnung fehlt gänzlich, ab und zu sind Bambus-Barken gesetzt, die Orientierung bleibt aber ungewiss. Im Abstand von etwa 15 Tagen kommt ein Behördenboot und kontrolliert die Schifffahrtszeichen, der Fluss hat sich in der Zeit deutlich verändert, alles ist in Bewegung, der Schlick ist ein Wanderer. Langnasige Süsswasserdelfine begleiten unseren Weg.

Ab und zu sind Behausungen auf den höheren Sandbänken zu sehen. Es sind Hütten, die hauptsächlich von illegalen Einwanderern aus Bangladesch während der trockenen Monate errichtet werden. Wenn der Monsun kommt, werden die Hütten abgebaut und in höheren Gebieten wieder aufgebaut. Es ist ein äußerst karges Leben! Die Siedlungen sind ein Politikum, der Widerstand gegenüber den illegalen Einwanderern groß. Besser geht es den einheimischen Assamesen, in den vereinzelten Siedlungen. Es gibt auch in entlegenen Dörfern noch kleine Schulen und Lehrer, die durch die Landesregierung dorthin geschickt werden. Eine Elektrifizierung bleibt bisher unerreichbar, aber bedingt durch die technischen Möglichkeiten hat die Regierung ein interessantes Programm einer landesweiten Teilelektrifizierung durch Solarpanels auf den Weg gebracht. Wir haben mit dem Beiboot Dörfer besucht, deren Bewohner uns gegenüber sehr gastfreundlich und aufgeschlossen waren, unverdorben, keinerlei Betteln, aber auch keinerlei Geschenkzauber.

Die Solarpanels und die Batterien dazu sind für die Leute ein Riesenschritt, der Hof eines solchen Hauses wirkt dann wie so vieles in diesem Land, in zwei Epochen verankert, auf der Grundlage eines Selbstversorgerdorfes, mit kleinen Zukunftstentakeln. (Bild 3/Schiff) Das Schiff ist 1973 in Kalkutta als Frachtschiff gebaut und mit zwei 225 PS MAN/Kirloskar Maschinen ausgerüstet worden. Nachdem sich der freie Verkehr auf dem Fluss auch lange nach der Unabhängigkeit von Bangladesch nicht zeigen wollte und die spannungsreichen Beziehungen zwischen Delhi und Dakar kein Ende nehmen, wurde das Schiff 1994 außer Dienst gestellt. 2003 gelang es einem durchaus Pionier zu nennendem Unternehmen bestehend aus Indischen und Englischen Reiseunternehmen das Schiff für Passagierfahrten komplett umzubauen und regelmäßig einen Teilabschnitt des Flusses zu befahren. Einige dieser Personen sind wohl auf drängende Bitten von Regierungsstellen an Bord mit einer Arbeitsstelle versorgt worden. Es gibt wohl überhaupt eine ganze Menge von "Hintergrundaktivitäten" die man in Indien für solch ein Unterfangen bewegen muss um als Unternehmer nicht ausgebremst zu werden. Hauptsächlich kommen wohlbetuchte Gäste aus Europa, Briten gefolgt von Deutschen und Franzosen stellen die größten Gruppen.

Viele weitere Nationen sind auch schon da gewesen und die Mitarbeiter sind offensichtlich gut gerüstet für die individuellen Besonderheiten der Nationalitäten. Nur die durchaus vorhandene indische Ober- und Mittelschicht scheint mit Flussreisen noch keine Freundschaft zu schließen. Am Abend wird an Sandbänken durch das tiefe Eingraben von Bambusankern im Boden festgemacht. (Bild 4) Nach dem Abendessen, zu dem mich glücklicherweise der Chef der Truppe begleitet, gibt es lange Gespräche und noch einen kurzen Absacker sowie den Sternenhimmel natürlich. Nach 23:00 werden die Generatoren abgestellt und der Nachthimmel ist gänzlich konkurrenzlos. In weiter Entfernung lodern zwei, drei Feuer, Bambusflößer beim Abendessen. Gegenlicht ist nicht zu sehen, nur die nächtliche Sandbank reflektiert einen Hauch Sternenlicht. Unwirkliche Konturen und die ruhige Atmung des dahin treibenden "Sohn des Hindu Gottes Brahma" der an der Abbruchkante der Sandbank knabbert.

In den Kabinen ist nicht nur alles was man braucht, sondern auch eine freundliche Professionalität die einen empfängt. Nicht alles ist mehr ganz perfekt, aber man kann sich wohl fühlen und gut schlafen. Ich kann tagsüber auf der Brücke sitzen und den Steuermann beobachten. Alternativ sitzt man in etwa 6 Metern Höhe auf dem riesigen Sonnendeck. Es sind gänzlich eigene kleine Landschaftsformen die der Fluss im jährlichen Wechsel kreiert, mit etwa 5 Stundenkilometern geht's etwa 6 Stunden täglich gegen an. Unterschiedlich hohe Sandbänke, die abrupt enden und auf denen durch deutlich unterschiedlichen Bewuchs erkennbar, die "Jahresringe" der Hochwasserhöhen verzeichnet sind, ganze Landschaften die wegen der enormen Breite des sandigen Tales auch mit dem Fernglas keinen Horizont finden wollen, dann wieder Flecken von besonderer Höhe auf denen sogar einzelne Bäume, Palmen und Bananenstauden kultiviert sind und zumindest eine mehrjährige Besiedlung anzeigen. Der Fluss mäandert auf einer Breite von bis zu 20 km und die größten Sandbänke sind schon Inseln mit vielen km² Größe. Dieses Gebiet, für eine kontinuierliche Besiedlung ungeeignet, wird von Einwanderern aus Bangladesch besiedelt, illegal ins Land gekommen, aber wohl vertraut mit dem Leben am Wasser.

Die Siedlungen sind auf möglichst hohen Sandbänken angelegt, teils sind die Hütten mit Handpumpen im Hof ausgestattet, dort pumpt man aus der Tiefe bis 10 Meter das Ufersickerwasser. Andere Familien schöpfen das Wasser aus Löchern die in den ufernahen Sand gegraben werden. Wenn die Frauen mit ihren Schöpfeimern anrücken, springen Hunderte von Fröschen ins Wasser. Durch Bengalen verläuft die Teilung des Landes nach Ende der Britisichen Kolonialzeit. Ostbengalen heute Bangladesch und Westbengalen heute Indien. Die illegale Besiedlung dieses Brahmaputra-Schwemmlandes findet schon seit Jahrzehnten statt, aber durch den kontinuierlichen Bevölkerungsdruck aus Bangladesch wird dieses Problem immer größer. In den Siedlungen werden Kürbisse, Zwiebeln, Weizen, Chillies, Auberginen, Linsen angebaut, die habe ich bei einem kleinen Ausflug am Abend jedenfalls sehen können. Die äußerst einfachen Behausungen beherbergen sehr freundliche Leute.

Auch hier weder Betteln noch aufdringliche Annäherung sondern aufrichtiges, gegenseitiges Staunen. Aus allen Richtungen kamen die Gestalten angelaufen als wir das Schiff an einer Sandbank anlegten und mit den Mooringleinen eingruben. Eine echte Attraktion das Schiff, die nächste Stadt liegt 25 km weit weg, keine Straße, nur Sandwege. Boote werden, gestakt, gerudert und auch mit Plastikfetzen gesegelt. Kein Strom, Kühe, Ochsen, Ziegen, Hühner und Sand, Sand, Sand. Eine Pumpe konnten wir bewundern, ein alter Honda-Motorrollermotor, eine Steinzeitpumpe aber sie überleben eines der trockensten Jahre und die Pflanzen gedeihen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, ungestellt. Als wir am Morgen losmachten, kamen wieder begeisterte Zuschauer in Decken gehüllt, oder bibbernd vor Morgenkälte.

(Bild 5) Etwa 30-50 Kilometer nördlich beginnt der Himalaja Richtung Tibet anzusteigen, die Kühle der Luft ist teils auch die Nähe zu dieser Kältekammer. Aber auch die Berge im sehr nahen Süden sind schon bis zu 1000 Meter hoch und beherbergen auf ihren Hängen die größten Tee-Plantagen. Die dunstige Mondlandschaft erscheint unwirklich und wüstengleich. Lieblich sind die Ausblicke vom Schiff aus bisher nicht, verstörend fremd bis abweisend, dann wieder urtümlich erhaben bis feindlich karg. Der Fluss verändert sich so schnell das auch die erfahrenen Steuerleute äußert angespannt nach dem richtigen Kanal suchen. Ein Auflaufen ist aber dennoch durchaus möglich, die Mannschaft ist dann auf sich gestellt, andere Schiffe haben wir in den sieben Tagen nicht gesehen, nur bis zur Größe des Beibootes war gelegentlich ein Boot zu sehen. Falls der Fluss unpassierbar wird, werden aus Bambus Buhnen gebaut um den Wasserlauf zu konzentrieren und damit die Wassertiefe in der Rinne zu erhöhen. Eine solche Maßnahme dauert aber Tage wenn nicht viele Wochen.

Schneller geht es wenn man mit dem Beiboot viele Male über die unpassierbare Stelle fährt und möglichst viel Schlick mit dem Propeller aufwühlt, der dann von der Strömung fortgeschwemmt wird, um danach, hoffentlich irgendwann die Stelle mit dem 500 Tonnen schweren Schiff selbst passieren zu können. Am Nordrand des Flussbettes liegt der Nationalpark Orang. Er hatte lange Jahre erhebliche Probleme, Wilderei, Missmanagement durch die Parkverwaltung, ethnische Spannungen, illegaler Holzschlag usw. Wir legten mit dem Beiboot auf der Parkseite des Flusses an, der Liegeplatz der Charaidew blieb wegen Starkwind an der gegenüberliegenden menschenleeren Sandbank. Auf der Pritsche des Jeeps der Parkverwaltung ging es einen Nachmittag über die Wege des Parkes. Trotz aller schlechten Beurteilungen sahen wir einige Tiere, Elefanten, Nashörner, Warane, Rotwild, Marabus, verschiedene Adler und viele prächtige Vogelsorten, einen der wenigen Bengal-Tiger konnten wir weder an den Wasserlöchern noch in den hohen Elefantengräsern entdecken. Der Park wird unregelmäßig überflutet. Nicht in jedem Jahr steigt das Wasser so hoch das alle Parkbereiche unter Wasser stehen, aber eine Regel gibt es hier eben nicht. Die wenigen Wildhüterhäuser stehen jedenfalls auf Betonpfählen.

Einen Teil der Parkkontrolle wird von Mahuds auf Arbeitselefanten erledigt, aber um den Park herum gibt es weiterhin viel Armut und wenn die Behörden hier weniger Präsenz zeigen würden, dann ging die Jagd auf die Nashörner, Tiger und Elefanten schnell wieder los. Auf dem Rückweg zur Charaidew wurde es makaber. Die Wasserleiche eines Jungen, vielleicht ein zwei Tage im Wasser, hatte sich zwischen Sandbank und Schiffsrumpf festgesetzt. Mit Bambusstangen die hier für alle Aufgaben herhalten, war sie gerade befreit worden, sie trieb uns entgegen als wir mit dem Beiboot anlegten. Es war wohl schon einmal vorgekommen. Was war wohl passiert und wo? Er hatte kein langes Leben und nun trieb der Körper weiter den heiligen Städten entgegen! Die Leiche wird wohl noch einige Male von irgend jemand gesichtet werden, aus Netzen befreit oder mit Stangen von einem Boot weggedrückt werden. Niemand käme auf den Gedanken was anderes mit der Leiche anzufangen! Das dieses 500 Tonnen Schiff mit seiner 27 köpfigen Besatzung im Augenblick nur mich als Passagier den Fluss hinaufbefördert ist schon pervers. Ich weiß zwar das sie auch ohne mich das Gleiche gemacht hätten um vom Zielpunkt an die nächste Reisegruppe von 20 Personen aufzunehmen, aber dennoch bin ich irgendwie eingeschüchtert, da die Mannschaft es sich nicht nehmen lässt alles so zu gestalten wie sie es auch in ausgebuchter Lage machen würden.

Also gibt es immer Gewusel und Aufmerksamkeit um mich herum, gewöhnungsbedürftig wenn im Speiseraum drei Personen stehend warten bis ich fertig bin, dann der Mann mit dem Kaffee und Tee wartet, ich der Meinung bin, dass der Mann es nicht verdient, dass ich jetzt keinen Kaffee mehr möchte, das Beiboot nur für mich fährt, auf dem Sonnendeck immer alle Liegen bepolstert werden, sowie der große Aufenthaltsraum nur mich beherbergt sowie eine weitere Person die nur deshalb dort steht, weil es sein könnte das ich einen Wunsch äußere. Maharadschas und Prinzen, Industrie-Tycoons, die indische und britische Oberschicht hätten damit wohl keinerlei Probleme, oder zumindest nicht meine. Meine Erzählungen vom Rhein, der Donau, dem Murray, der Rhone, den Europäischen Kanälen, meinem eigenen Schiff und der Binnenschifffahrt in Europa überhaupt, wird schnell weitererzählt. Die Mannschaft ist daran hochgradig interessiert. Hier entsteht unser Brückenschlag und natürlich im Maschinenraum den ich schon fleißig besucht habe. Nun steh ich auch einige Male am Steuerrad, es liegt ganz vorne, eine Peilstange in etwa 2 Metern vor dem Führerhaus ist alles was man hat um zu entdecken wohin der ganze Kahn will. Das Gefährt scheint auf jeden Fall sehr eigenwillig zu reagieren.

Nach einer Stunde kann ich das Ruder wieder übergeben, das muss erstmal reichen. Außer ein paar Fischerbooten die an den Ufern lagern und einem flussabwärts fahrenden Boot mit einer Ladung Elefantengrass für den Hausbau ist uns nach 8 Stunden Fahrt heute wieder nichts begegnet. Der Wind bläst kräftig, die Sicht ist schlecht, Staub- und Sandtürme peitschen über die Sandbänke, die Ufer und das Hinterland sind wieder in diese Vorhänge gehüllt und verstecken sich scheu. Der Wind hat so sehr zugenommen, dass eine Weiterfahrt unmöglich scheint, die Herrschaften an Bord sind auch ganz beeindruckt. Die Sandbankanker werden deutlich tiefer gegraben und die Bambuspflöcke, die verhindern sollen, dass der Queranker nach oben ausbricht, werden deutlich mehr. Die Charaidew schaukelt gegen die Sandbank, mal schauen wie wir hier wieder wegkommen. Wir liegen bei der Stadt Tezpur an einer recht hohen Sandböschung, die gegenüberliegende Seite wird beackert, kleine mit Bambusstöckchen gegen Ziegen und sonstigen ungeliebten Besuch geschützte Gärten tragen Zwiebeln und Tomatensträucher. Eine nahe Hütte deckt eine Rohrzuckerquetsche und einen Rohrzuckerbrenner ab, es grasen Rinder und Ziegen, immer wieder kommen Neugierige und bestaunen uns. Ich bestaune wieder die Gegenseite.

Wegen der hohen Böschung spielt sich die gegenseitige Bestaunung auf Augenhöhe ab, das Spiel kann lange dauern, ab und zu lachen die Herrschaften über irgendwas an Bord, oder auch mich. Man erzählt sich was, zeigt mit dem Finger und lacht. Das Spiel kann lange dauern, man kommt dabei auf so manchen schrägen Gedanken. Wenn ich den Fotoapparat auspacke wird das Lachen und Giggeln lauter. Indien hat keine Sprache, Indien hat etwa 1,2 Milliarden Bürger und keine Sprache, es gibt kein Indisch, es wird wohl auch lange kein Indisch geben, ein Land ohne Sprachidentität, es bringt Unmengen von Skurrilitäten mit sich, die man weder alle schnell verstehen lernt noch begreifen kann. Es gibt mehrere Hundert Sprachen, Hindi ist zwar die offizielle Landessprache, aber für die Mehrzahl ist es eine Fremdsprache, manche können gar kein Hindi, im Parlament in Delhi spricht man Englisch, Teile der Mittelschicht sprechen auch miteinander nur Englisch, aber der Großteil der Inder spricht eine der vielen anderen Sprachen. Welche Bedeutung eine gemeinsame Sprache für die Identität eines Landes hat, wird durch das Beispiel Indien nicht einfacher zu beantworten.

Die Besatzung spiegelt das ganze Sprach-patchwork der Nation recht gut wieder. Es werden an Bord 7 unterschiedliche Muttersprachen gesprochen, der größte gemeinsame Nenner ist Assamesisch, Landessprache in Assam, wenn das nicht geht hilft man sich auf Hindi oder auch Bengalisch, Englisch spielt kaum eine Rolle. Die Sprachen verwischen natürlich und die Grenzen sind fließend. Ein wildes Sprach-Patchwork. Im Kaziranga Nationalpark komme ich nach zwei Stunden auf dem Rücken eines Elefanten nur noch mit fremder Hilfe aus meiner Grätsche. Ein Elefant ist so verdammt breit und ich so verdammt steif! Aber vom Rücken der Elefanten konnte man am frühen Morgen phänomenal nahe an die Nashörner, Büffel und Hirsche, einer der scheuen Tiger war aber wieder nicht dabei.

In der Sehnsucht nach der Begegnung mit den großen Säugern, den Raubkatzen und auch den Walen muss wohl eine tiefe Sehnsucht liegen, irgendwie ist es magisch. Teil der Suche entspringt aber wohl auch der Angst, dass es bald zu spät sein könnte, die großen Brüder und Schwestern ausgestorben. Eine,r der sie noch in Freiheit gesehen hat, könnte bald in Nachrufen stehen. Kommen deshalb so viele Leute für so viel Geld von so weit her? Assam ist auf jeden Fall Elefanten- und Nashornland. Die Nähe zu den Menschen gefährlich für beide Seiten. Die zahmen Elefanten gehören am frühen Morgen auf dem Weg zur Arbeit und am Abend zurückkehrend zur Normalität der Straße.

Am Abend sieht man die Mahuds in den Tümpeln Ihre Elefanten schrubben. Was hat das größte Landtier wohl dazu bewogen eine solch intensive Nähe zum ehrgeizigsten Landtier einzugehen? Nach einer Woche auf dem Wasser des Brahmaputra geht es wieder weiter auf der Indienreise. Auch eine Flussreise ist noch dabei, in den Sunderbans des Gangesdeltas, wo das Wasser des Brahmaputras schon mit fließt, aber das ist wieder eine eigene Geschichte wert.

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